„Erinnerung an Flucht und Vertreibung und der Einsatz für Frieden, Verständigung und Menschenrechte gehören untrennbar zusammen“
Der Bund der Vertriebenen ist die Dachorganisation der Verbände der Vertriebenen und der Landsmannschaften in Deutschland. MdB Stephan Mayer, der selbst sudentendeutsche Vorfahren hat, wurde im Oktober mit großer Mehrheit zum Präsidenten des BdV gewählt. Im Interview mit dem Neuen Wochenblatt.pl beschreibt er, welche Schwerpunkte er in seiner Präsidentschaft setzen möchte und wie er selbst von der Fluchterfahrung seiner Eltern geprägt wurde. Die Fragen stellte Mauro Oliveira.
Seit dem 10. Oktober sind Sie Präsident des Bundes der Vertriebenen. Ich möchte Ihnen herzlich auch jetzt noch zur Wahl gratulieren! Sie gehören bereits seit 2008 dem BdV-Präsidium an, seit 2016 waren Sie Vizepräsident. Welche neuen Aufgaben haben Sie als Präsident?
Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Glückwünsche! Die Wahl zum Präsidenten des BdV ist für mich eine große Ehre, aber auch eine große Verantwortung gegenüber den Vertriebenen, Aussiedlern und ihren Nachkommen. Das großartige Wahlergebnis bedeutet einen Vertrauensvorschuss, dem ich mich verpflichtet fühle.
Als Vizepräsident war ich bereits viele Jahre eng in die inhaltliche Arbeit eingebunden. Als Präsident trage ich nun die Gesamtverantwortung für die strategische Ausrichtung und die öffentliche Vertretung des Verbandes und bin erster Ansprechpartner für Politik, Medien und Öffentlichkeit. Ich erarbeite, gemeinsam mit unserem Präsidium, die inhaltlichen Schwerpunkte unserer Arbeit und nicht zuletzt trage ich natürlich auch die Verantwortung dafür, dass der Verband zukunftsfähig bleibt. Die Aufgabe ist umfangreicher, die Verantwortung größer – und ich nehme dieses Amt mit Dankbarkeit, Demut und großer Motivation an.
Sie haben es angesprochen, Sie sind auch dafür zuständig, dass der Verband zukunftsfähig bleibt. Wie wollen Sie das erreichen? Welche Ziele haben Sie sich als Präsident insgesamt gesetzt?
Wichtig ist mir vor allem, dass wir Bewährtes fortführen und zugleich neue Wege gehen. Wir wollen die Anliegen der Vertriebenen, aber auch der Aussiedler und Spätaussiedler weiterhin hörbar machen, Brücken zu unseren Partnern in Europa bauen und als BdV deutlich zeigen: Erinnerung an Flucht und Vertreibung und der Einsatz für Frieden, Verständigung und Menschenrechte gehören untrennbar zusammen.
„Mein Ziel ist es, modernere Einblicke in die Arbeit des Dachverbandes zu geben und aus diesem Grund die Medienarbeit zu stärken.“
Ich habe das schon direkt nach meiner Wahl gesagt: Der BdV bleibt eine starke Gemeinschaft der Menschlichkeit und der Verständigung, die Brücken schlägt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Mein persönliches Leitwort für meine Präsidentschaft lautet: Aus Erinnerung erwächst Verantwortung – aus Verantwortung entsteht Zukunft. Das ist die inhaltliche Komponente.
Mein Ziel ist es, modernere Einblicke in die Arbeit des Dachverbandes zu geben und aus diesem Grund die Medienarbeit zu stärken. Es gilt, Bildungsangebote für Schulen, Hochschulen und für die außerschulische Bildung auszubauen. Zeitzeugenberichte und Familiengeschichten sollten stärker digital aufbereitet und zugänglich gemacht werden. Und nicht zuletzt gilt es, die Veranstaltungen im Jahreskreis so zu gestalten, dass sie sowohl den Ansprüchen der Erlebnisgeneration gerecht werden als auch jüngere Menschen ansprechen.
Stephan Mayer ist seit Oktober 2025 Präsident des Bunds der Vertriebenen, außerdem ist er Mitglied des deutschen Bundetages (CSU).Foto: BdV/bundesfoto
Zusammengefasst geht es um drei zentrale Aufgaben: erstens die Einbindung der jüngeren Generation, zweitens die Digitalisierung unserer Angebote und drittens eine zeitgemäße Vermittlung von Geschichte und Herkunft.
Sie gehören zur sogenannten Bekenntnisgeneration, Sie wurden also in Deutschland geboren. Wie hat Sie die Erfahrung von Flucht bzw. Vertreibung Ihrer Familie geprägt?
Ich glaube, dass wir alle, die wir einen familiären Vertriebenenhintergrund haben, durch die Erlebnisse unserer Eltern und Großeltern geprägt sind. Gerade in jüngster Zeit ist dazu viel Literatur erschienen, wie das Trauma von Flucht und Vertreibung bis in die zweite und dritte Generation weiterwirkt. In meiner Familie war die verlorene Heimat schon präsent: in Erzählungen, Fotos, in der Art zu sprechen, im Essen, in bestimmten Liedern und Bräuchen. Als Kind habe ich schon ziemlich früh verstanden: Meine Familie ist nicht umgezogen, sie musste ihre Heimat zwangsweise verlassen. Das prägt die eigene Identität und den Blick auf Geschichte. Für mich war früh klar, dass Flucht und Vertreibung keine abstrakten historischen Begriffe sind, sondern Teil meiner eigenen Familiengeschichte. Daraus ist über die Jahre auch mein Engagement erwachsen – aus dem Bewusstsein heraus, dass Erinnerung Verantwortung bedeutet.
Ihr Vorgänger als BdV-Präsident, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Bernd Fabritius, hat die Thematik der Heimatvertriebenen und die Thematik der Heimatverbliebenen als „zwei Seiten einer Medaille“ beschrieben. Durch den Organisationserlass von Bundeskanzler Merz werden auch die Zuständigkeiten für die Minderheiten in Deutschland und für die deutschen Minderheiten im Ausland neu im BMI gebündelt. Wie spielen beim BdV diese beiden Bereiche zusammen?
Für den BdV gehören diese beiden Bereiche tatsächlich untrennbar zusammen. Mit dem Organisationserlass wird ein lang gehegter Wunsch unseres Verbandes umgesetzt, und wir sind dem Bundeskanzler dafür sehr dankbar. Wenn wir von den Heimatvertriebenen sprechen, dann sind das Menschen, die ihre Heimat verloren haben – und deren Kinder und Enkel, die diese Erfahrung des Heimatverlustes weitertragen. Wenn wir wiederum von den Heimatverbliebenen sprechen, dann sind das heute vor allem die deutschen Minderheiten im östlichen Ausland, und wir reden über Menschen gleicher ethnischer Zugehörigkeit und kultureller Prägung, die in ihren historischen Siedlungsgebieten geblieben sind und dort bis heute als Volksgruppe leben. Beide Gruppen teilen doch eine gemeinsame Geschichte und oft auch sehr konkrete familiäre Biografien.
„Als Kind habe ich schon ziemlich früh verstanden: Meine Familie ist nicht umgezogen, sie musste ihre Heimat zwangsweise verlassen. Das prägt die eigene Identität und den Blick auf Geschichte.“
Unsere landsmannschaftlichen Mitgliedsverbände arbeiten seit Jahrzehnten eng mit den deutschen Minderheiten in den Herkunftsgebieten zusammen – bei Gedenkveranstaltungen, Kulturwochen, Begegnungsreisen oder Städtepartnerschaften. Die Erinnerungsarbeit der Vertriebenen und die Kulturarbeit der Minderheiten sind zwei Zugänge zur gleichen Geschichte. Die Bündelung der Zuständigkeiten im Innenministerium eröffnet die Möglichkeit einer aus einem Guss gedachten Minderheiten- und Vertriebenenpolitik. In diese Gestaltung wollen wir uns als BdV konstruktiv und verantwortungsvoll einbringen.
Seit 1950 gibt es die Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Diese hat zur Versöhnung in Deutschland und in Europa beigetragen. Der BdV kann also auf 75 Jahre Erfahrung im Bereich der Bewältigung der Folgen von Flucht und Vertreibung zurückgreifen. Wenn wir auf die aktuelle Weltlage blicken, dann sind Flucht und Vertreibung immer noch Realität. Das UNHCR nennt die Zahl von 123,2 Millionen Vertriebenen weltweit. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine sehen wir Folgen von bewaffneten Konflikten auch wieder in Europa. Es ist abzusehen, dass die Folgen von Flucht und Vertreibung die Ukraine noch über Jahrzehnte beschäftigen werden. Könnte der BdV seine Expertise zum Beispiel in der Ukraine einbringen? Gibt es Kooperationen in diesem Bereich?
Zunächst einmal ist zu betonen, dass jede Vertreibungsgeschichte und jede Gewalterfahrung, die in Flucht mündet, einzigartig ist. Dennoch gibt es Erfahrungen, die sich ähneln: individuelles Leid, Heimatverlust und die langfristigen seelischen Folgen.
Bundespräsident Gauck hat 2016 bei unserer Veranstaltung zum Tag der Heimat gesagt: „Eines wissen wir: Die existenzielle Erfahrung eines Heimatverlustes ist Flüchtlingen auf der ganzen Welt gemein – die tiefe Prägung durch eine häufig traumatische Flucht, die Trauer um das Verlorene, das Fremdsein im Ankunftsland, die Zerrissenheit zwischen dem Nicht-Mehr-Dort- und Noch-Nicht-Hier-Sein. Wirkliche Empathie sieht allein das leidende Individuum. Es hat mich beeindruckt, wie vertriebene Deutsche in den vergangenen Monaten gemeinsam mit Flüchtlingen aufgetreten sind, wie sie sich ausgetauscht und um gegenseitiges Verständnis geworben haben. Ein Drittel unter den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern, so ergab es eine neue Untersuchung, kommt selbst aus einer Vertriebenenfamilie, prozentual also weit mehr, als ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht.“
Was der damalige Bundespräsident gesagt hat, bestätigte sich nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine. Gerade der BdV – eigentlich kein Spendenverein – startete unmittelbar unter dem Eindruck der Kriegshandlungen eine Spendenaktion, mit der am Ende Flüchtlinge in den Nachbarstaaten der Ukraine sowie der dringend notwendige Einsatz des Rates der Deutschen der Ukraine unterstützt werden konnten. Es wurden Unterbringungen und Lebensmittelkäufe ermöglicht, es wurden Gelder für dringend benötigte Transportmittel und für die Stromversorgung bereitgestellt. Manche Mitglieder spenden bis heute.
Darüber hinaus steht der BdV für 75 Jahre Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung – mit all ihren sozialen, politischen und auch seelischen Folgen. Wir wissen aus der deutschen Geschichte, wie lang der Schatten von Vertreibung ist: Er reicht tief in Familienbiografien hinein, prägt ganze Regionen und beschäftigt eine Gesellschaft über Jahrzehnte. Genau vor dieser Herausforderung stehen auch andere, auch die Ukraine, wenn der Krieg hoffentlich bald endet und die Phase des Wiederaufbaus und der inneren Heilung beginnt. Diese Erfahrung weiterzugeben, ohne historische Gleichsetzungen vorzunehmen, ist ein Teil unserer Verantwortung.


