II. Sonntag nach Weihnachten
Lesungen: 1. Johannesbrief 5,11–13; Lukasevangelium 2,41–52
Predigttext: Jesajabuch 61,1–3
Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir. Denn der HERR hat mich gesalbt; er hat mich gesandt, um den Armen frohe Botschaft zu bringen, um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefangenen Freilassung auszurufen und den Gefesselten Befreiung, um ein Gnadenjahr des HERRN auszurufen, einen Tag der Vergeltung für unseren Gott, um alle Trauernden zu trösten, den Trauernden Zions Schmuck zu geben anstelle von Asche, Freudenöl statt Trauer, ein Gewand des Ruhms statt eines verzagten Geistes. Man wird sie Eichen der Gerechtigkeit nennen, Pflanzung des HERRN zum herrlichen Glanz.
Gott gibt Trost und Hoffnung
Wenn sich zwei Polen zu Beginn des neuen Jahres treffen, dann wünschen sie sich meistens, dass das neue Jahr nicht schlechter wird als das vorherige. Treffen sie sich ohne besonderen Anlass und fragen einander, wie es ihnen geht, lautet die Antwort oft: Stara bieda – „alte Armut“. Das bedeutet ungefähr so viel wie: nichts Neues, nichts Besonderes. Es bezieht sich nicht auf Niederlagen oder Katastrophen, sondern beschreibt vielmehr den alltäglichen Zustand.
Evangischer Bischof Wojciech PrackiFoto: Lucas Netter
Wir haben das neue Jahr 2026 bereits begonnen. Das alte ist vorbei. Theoretisch hat sich wenig verändert – der Krieg in der Ukraine, politische Streitigkeiten in Polen. Und privat? Das ist bei jeder und jedem sehr individuell. Viele von uns können jedoch sagen: Es ist die alte Armut – nichts Neues, nichts, was irgendwie besonders wäre.
In unserem Bibeltext lesen wir jedoch etwas anderes. Der von Gott Gesandte, mit dem das Christentum die Person Jesu identifiziert, kommt mit dem Geist Gottes und bringt Trost und Hoffnung in Zeiten, die wirklich schwer sind. Zur Entstehungszeit des Jesajatextes gab es in Palästina nur Trümmer, Ruinen und Asche. Das Land war vor über 70 Jahren von den Babyloniern zerstört worden, die meisten Bewohner nach Babylonien verschleppt. Ein kleiner Rest war geblieben. Den Tempel, in dem früher Gott verehrt wurde, gab es nicht mehr. Nun sollten die Verschleppten in der nächsten Generation zurückkehren. Für die Gebliebenen waren sie Fremde. Auch das verheißene Land war für die Zurückkehrenden fremd. Ein schwieriger Neuanfang stand ihnen allen bevor.
Gott verlässt sein Volk nicht angesichts neuer Herausforderungen des Lebens. Dieses Versprechen erhalten wir durch Jesaja.
Keine leichte und angenehme Perspektive. Doch beide Gruppen erhalten von Gott durch den Propheten Jesaja ein Versprechen: Er wird helfen und unterstützen. Er wird sich um alle kümmern und Kraft sowie Potenzial für den Wiederaufbau schenken. Nicht anders stelle ich es mir für die Ukraine vor, wenn eines Tages die Flüchtlinge zurückkehren und gemeinsam mit den Gebliebenen einen Neuanfang im zerstörten Land wagen.
Eines ist jedoch sicher: Gott verlässt sein Volk nicht angesichts neuer Herausforderungen des Lebens. Dieses Versprechen erhalten wir durch Jesaja. Ich weiß auch nicht, was das neue Jahr an Ereignissen und Erfahrungen mit sich bringen wird. Ich freue mich, wenn keine Katastrophen und unerwarteten Probleme kommen. Wenn ich am Ende des Jahres 2026 sagen kann: „alte Armut“, dann werde ich mich freuen. Doch eines ist gewiss: In Freude und in Trauer wird Gott bei uns sein und uns begleiten. Diesen festen Glauben wünsche ich Ihnen für das neue Jahr 2026. Amen.
