Zeitenwende in Oberschlesien
Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 rief der damalige deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz eine sicherheitspolitische Zeitenwende für Europa aus. Diese ist knapp vier Jahre nach der Kanzlerrede auch in Oberschlesien bemerkbar.
Eine Chance für die Wirtschaft?
Historisch war Oberschlesien mit seinen Eisen- und Stahlwerken schon in preußischen Zeiten relevant für die Rüstungsindustrie. Auch heute sind in der Region noch wichtige Firmen der Branche angesiedelt. Da Polen seine Streitkräfte seit 2022 mit hohem Elan modernisiert (2025 betrug der Verteidigungsetat 4,7% des Bruttoinlandsproduktes), steigt auch die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors. Denn Polen will nicht nur importieren, sondern möglichst im Land produzieren.
Von der Modernisierung der polnischen Armee profitieren auch in Oberschlesien beheimatete Einheiten. Ein Beispiel hierfür kann die 34. Schlesische Raketenflugabwehrdivision sein, die in Beuthen stationiert ist.
Von der gestiegenen Nachfrage profitieren auch oberschlesische Unternehmen. Zu nennen wäre die in Siemianowitz ansässige Firma Rosomak, bei der allein im Jahr 2024 138 Radpanzer bestellt wurden. Viel Arbeit erwartet den Gleiwitzer Panzerhersteller Bumar-Łabędy, wo seit 2015 u.a. deutsche Panzer des Typs Leopard 2A4 modernisiert werden. Ab 2028 sollen hier koreanische Panzer K2 montiert und nach erfolgtem Technologietransfer auch produziert werden. Der Bau der neuen Produktionslinie geht mit der Vergrößerung der Beschäftigung von 800 auf 1200 Mitarbeiter einher. Auf Aufträge hofft man auch in Ratibor. Nach der Insolvenz des Kesselherstellers Rafako soll auf dem Firmengelände zukünftig Militärlastwagen der Marke Jelcz vom Band laufen. Wann die Produktion beginnen kann, ist im Moment noch offen.
Der Verteidigungssektor könnte in Zukunft für das oberschlesische Industriegebiet noch wichtiger werden, wie eine Studie der Beratungsfirma Deloitte vom November 2025 darlegt. Die Region bietet hierfür mit ihrer dichten Transportinfrastruktur, technischen Hochschulen und relevanten Unternehmen (u.a. Stahlproduktion, Maschinen- und Fahrzeugbau) ein gutes Umfeld. Die Studie sieht gar die Chance, dass die Verteidigungsunternehmen die Arbeitsplatzverluste der langsam schließenden Kohlebergwerke auffangen könnten. Gerade die Zulieferbetriebe haben hierfür passende Kompetenzen. Eine Herausforderung bleibt aber die demographische Entwicklung sowie die Umschulung der Arbeitskräfte.
Modernisierung der Streitkräfte
Von der Modernisierung der polnischen Armee profitieren auch in Oberschlesien beheimatete Einheiten. Ein Beispiel hierfür kann die 34. Schlesische Raketenflugabwehrdivision sein, die in Beuthen stationiert ist. Diese erhielt Ende November 2025 als erste Einheit der polnischen Streitkräfte die neueste Version des Flugabwehrsystems “Pilica”. Dieses wurde vom polnischen Verteidigungsminister WładysławKosiniak-Kamysz höchstpersönlich an die Soldaten übergeben. Zu einer Batterie des Systems Pilica gehören u.a. Raketenwerfer, Maschinenkanonen und Radare, die der Bekämpfung von Flugzeugen, Helikoptern, Raketen und Drohnen auf niedrigen Flughöhen von bis zu 6500 Metern dienen.
Zivilschutzmaßnahmen und Sabotagegefahr
Lange war der Zivilschutz europaweit als Nischenthema unterfinanziert. Das änderte sich 2022. So wurde in Polen im Jahr 2024 die gesetzliche Grundlage für den Zivilschutz reformiert. Das Gesetz schreibt u.a. eine Finanzierung des Zivil- und Katastrophenschutzes auf dem Niveau von 0,3% der Wirtschaftsleistung vor. Insgesamt stellt die Regierung den Selbstverwaltungen 4,6 Milliarden PLN für den Zivilschutz zur Verfügung, wovon 529 Millionen PLN für die Woiwodschaft Schlesien und 108 Millionen PLN für die Woiwodschaft Oppeln vorgesehen sind. Die Mittel sollen vor allem der Modernisierung und dem Bau von Schutzräumen dienen. Das Geld kann aber auch für die Auffüllung von Material und Vorräten für Katastrophenfälle, die Katalogisierung von Schutzräumen und entsprechende Schulungsmaßnahmen genutzt werden.
Wojskowa ciężarówka Jelcz może wkrótce trafić do produkcji w RaciborzuFoto: M. Wycisk
Als eine der ersten oberschlesischen Städte profitiert Königshütte von dem Zivilschutzprogramm. Dort sollen bis 2027 unter dem Schlesischen Regionalzentrum für Diagnostik und Behandlung von Lungenkrebs insgesamt zwei unterirdische Schutzräume für je 300 und 600 Menschen entstehen. Im kleineren Schutzraum sollen dank Notstromaggregate im Krisenfall sogar Operationen möglich sein.
Obwohl Oberschlesien weit von der Ostgrenze Polens liegt, ist auch hier die Gefahr hybrider Angriffe und Sabotage gestiegen. Von dem Eindringen russischer Drohnen in den polnischen Luftraum im September 2025 blieb die Region zwar verschont. Dafür gab es in der Nacht vom 2. auf den 3. September 2025 einen Vorfall auf dem Eisenbahnknotenpunkt Kattowitz. Unbekannte Täter haben einen 20-Tonnen-schweren Kohlewagen von einem Zug entkoppelt und sogar die Schlusssignalscheibe auf den vorletzten Wagen verlegt. Nur dank der Aufmerksamkeit des Lokführers fiel dies auf, wodurch es zu keinem Unfall kam. Um solchen Vorfällen entgegenzuwirken, begann am 19. November 2025 die Operation Horizont, im Rahmen dessen das Militär die Polizei beim Schutz kritischer Infrastruktur unterstützt.














